Die Geschichten-Galerie ist ein nicht ganz gewöhnlicher Stand auf dem Wochenmarkt.

Er lädt dazu ein, innezuhalten, Bilder anzuschauen und ins Gespräch zu kommen.

In vielen Regionen Brandenburgs sind die Folgen des Zusammenbruchs der ostdeutschen Wirtschaft der 1990er Jahre noch immer präsent. Ausverkauf und Abwanderung stellten Familien, Freundschaften, Arbeits-Kollektive und soziale Beziehungen insgesamt auf den Kopf.


Wie erlebten Menschen in Brandenburg den Wandel in den 90er Jahren?
Haben sich Perspektiven verändert?

Wir wollen dem Erlebten nachspüren: den Wünschen, Sehnsüchten und Befürchtungen - mit Blick auf das Kommende.

Aus den erzählten individuellen Schilderungen und persönlichen Botschaften entstehen Hör-Porträts, welche auf dieser Plattform ein Archiv authentischer Stimmen abbilden.

Eisenhüttenstadt

Monika & Wolfgang Bazyli

Eisenhüttenstadt-Fürstenberg / Brandenburg / 03.09.2020

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Bernd Kob

Eisenhüttenstadt / Brandenburg / 03.09.2020

Ich bin 57 Jahre und seit 1968 in Eisenhüttenstadt, Seit 1993 wohnen wir auf dem Dorf "Sieh dich um".

Abschluss 10. Klasse - eine Ausbildung habe ich hier im EKO als Bautischler gemacht. Dann Armeedienst 4 Jahre - als Tastfunker. Danach Ausbildung zum Schlosser gemacht. Nach 2 Jahren hatte ich die die Berechtigung für alle Maschinen.


Dann kam irgendwann die Grosse Wende und die Frage von den Kollegen "Na, du hast ja schon immer deine Meinung gesagt…" - und dann bin ich in den Betriebsrat gekommen.

Der Instandhaltungsbereich wurde ausgegliedert - und durch durch Verkauf musste ich aus dem Aufsichtsrat raus. Dann wurde alles aufgestückelt und ausgelagert.

Von der Produktivität her konnte es ja auch nicht so weiter gehen. Aber deswegen war die DDR ja nicht schlecht. Ich war selber in der Partei damals und bin 1988 noch ausgeschlossen worden - weil ich halt damals auch ein paar Sachen angesprochen hab.

Heute organisiere ich Wochen und Trödelmarkte hier in der Region. Wie was weiter geht im Moment, das wissen wir nicht.

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Rathenow

Günter Thonke & Herr Aquilewa

Ich bin Bäckermeister Thonke - 1928 geboren. Schon vor dem Krieg habe ich als Junge in der Backstube gestanden. Bis 1988 arbeitete ich als Bäcker in meiner Bäckerei, die heute einer meiner Söhne weiterführt.

"Dieses unbedingt recht haben wollen, sollte sich jeder beizeiten abgewöhnen. Das Recht folgt immer der jeweiligen Macht. …"
"…Zwischen 15 Jahren und 25 Jahren werden die meisten Dummheiten gemacht von den Jugendlichen und das war zu den Zeiten nicht ungefährlich. Am 17. Juni 1953"mussten wir ja das Brot aus den Ofen holen - da konnten wir ja auch nicht mitmachen."

Herr Aquilewa war lange mein Kollege und ist ebenfalls ein alter Rathenower. Wir waren lange zusammen in der Handwerkskammer tätig.

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Uwe Hoffman

Rathenow / Brandenburg / 08.08.2020


Geboren bin ich 1968 in Pirna. Seit Anfang der 90er Jahre wohne ich in Rathenow. Nach der Wende stellte das Land keine Lehrer mehr ein. Ich hatte also keine Möglichkeit nach Abschluss meines Studiums zu arbeiten deshalb bin ich freier Journalist geworden, und schreibe für ein Wochenblatt aus der Region für die Region.

Es gab hier in Rathenow seit der Bundesgartenschau einen kleinen Aufschwung, was Wasser und Radtourismus angeht.
Viele hier erkennen durchaus an, das sich optisch und infrastrukturell einiges geändert hat. Aber auch viele Leute hier begleitet ihr Schicksal aus dem Anfang der 1990er Jahre immer noch. Für sie ist der Umbruch noch nicht mal richtig abgeschlossen.

Neu Zugezogene sehen Ihre Stadt positiver als Alteingesessene.

Was ich den jungen Leuten hier mit auf den Weg geben würde:
Neugierig sein, offen sein, wissbegierig sein würde ich jungen Leuten mit auf Ihren Weg geben.

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Torsten Krüger

Rathenow / Premnitz / Brandenburg / 08.08.2020

Ich habe im Chemiefaserwerk Premnitz als Glasbläser im Gebäude 021 gearbeitet.

7000 Leute waren hier beschäftigt. Mit der ersten Betriebsbesetzung 1992 wurde die „Märkische Faser AG“ erst einmal gerettet. Premnitz hatte einen internationalen Ruf. Auch deshalb war es nicht so einfach, mit einem Male alles dichtzumachen.

Nach der Besetzung wurde das Werk in mehrere kleine Betriebsteile aufgesplittet. Als Erstes wurde der Betriebsteil mit der Acrylfaserproduktionsanlage dicht gemacht. Die war so groß dimensioniert und auch die modernste in Europa, das sie eine zu große Konkurrenz für BASF und Bayer darstellte.
In der Jahren 1995/96/97 fing eine Entmischung an. Alle, die einen guten Beruf hatten oder einen Job woanders, sind hier weggezogen. Übrig blieben diejenigen, die es nicht weit bis zur Rente hatten - oder diejenigen, die einfach keinen Job finden konnten.

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Guben

Hannes, Kind & Elke

Guben / Brandenburg / 26.08.2020

Wir wollten raus aus Potsdam, und hatten verschieden Regionen im Auge. Wir wollten in eine Kleinstadt ziehen, die ein Problem mit Nazis hat, um denen etwas entgegen zu setzen.

Elke: Es gab in Guben eine starke linke Szene. Ich bin in meiner Jugend zum feiern aus Potsdam nach Guben gefahren. Wenn man so richtig Punkrockdrecksauparty haben wollte, sind wir dorthin. Wir haben so die generelle Grundanspannung in dieser Stadt gemerkt.

Hannes: Ich bin wegen der krassen Gewalterfahrungen vor 11 Jahren nach Potsdam gegangen. Wir wurden zum Beispiel von 50 Nazis auf dem Stadtfest verprügelt - das ist halt eine Gewaltausmaß, das viele in Potsdam nicht kennen.

Elke: Viele denken, Guben ist ein Pflaster, das nicht einladend wirkt. es gibt schon ne rechte Szene, aber auch Vielfalt, was man nicht glaubt, und auch Wärme zu erleben.

Wir sind hier gerade viel in der Vernetzungs- und Recherchearbeit. Hier ist oft noch bei Leuten so ein Zutrauen und Offenheit neuen Menschen gegenüber. Das läuft hier ohne große Orga. Ist nicht akademisiert wie in Potsdam.

Das Interview mit Maik (746,27 KB)
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Forst

Herr Reinhardt

Forst / Brandenburg / 25.08.2020

Eigentlich bin ich vom Land. Ich habe Betonbaufacharbeiter in der DDR gelernt. Wir haben Fundamente für öffentliche Gebäude wie Kaufhallen oder Kultureinrichtungen gebaut.
Wer damals mit dem eigenen Auto zur Arbeit gefahren ist war dumm. Es gab überall öffentliche Verkehrsmittel - oder dein Betrieb hat dich auf die Baustelle gefahren.
Anfang der 1990er Jahre wurde ich arbeitslos. 1996 bin ich in die Stadt nach Forst gezogen. In den folgenden Wintermonaten bin ich bis zu 5 mal täglich mit dem Fahrrad und einem Anhänger in den Wald gefahren, um Holz zum heizen zu holen.

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Claudi & Otto

Forst / Brandenburg / 25.08.2020

Ich (Claudi, 38 Jahre alt) habe in Cottbus Friseur gelernt und bin 2001 nach Forst gekommen. Ich (Otto 34 Jahre alt) habe Koch gelernt. Wir waren die Stadt der 100 Türme.

Als ich hier 2001 in Forst ankam, gab es von Donnerstag bis Samstag Veranstaltungen. Da sind Ska, Punk, Hardcorebands und auch Schülerbands hier aufgetreten. Alles war damals möglich. Ab dem Jahr 2005 ist alles eingeschlafen. Heute sitzen wir am Mühlgaben rum. Ist egal welche Temperatur.
Meine Oma hat hier noch bis 1994/95 in der Tuchfabrik gearbeitet. Die hat richtig Spinnerin gelernt.

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Carola Frohnecke

Forst / Brandenburg / 25.08.2020

1900 hat hier mein Urgoßvater die Kultur und Handelsgärtnerei aufgebaut. Mein Vater flüchtete im II. Weltkrieg vorm Militärdienst. Ich bin 1950 in Forst geboren und in Westberlin aufgewachsen.

Ich bin in den 2000ern nach Forst gezogen, um mich um das Familiengrundstück zu kümmern. Es ist lebendiger geworden durch unsere Neubürger und unsere Neubürger sind erste Sahne. Wir haben hier 63 Nationen. Dann bin ich hier angekommen und, die Bahhofstraße hoch gegangen. Die sah aus, als kämen ihnen die Häuser gleich entgegen. Die Fabriken, die sitzen allen im Westen, die interessiert nur das Grundstück - aber wir brauchen ja Arbeitsplätze. Unsere stärkste Frau hier war Regine Hildebrand. Forst wird nie wieder die tolle Tuchstadt werden, aber es kann ein liebenswertes Dorf werden.

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